Heerwagen

Wilhelm und Emil Heerwagen - Orgelbauer prägen eine Region

 

Warum Wilhelm Heerwagen 1855 ausgerechnet in Klosterhäseler seine Orgelbauwerkstatt eröffnete, steht fest: Er hatte hier am 29. September des Vorjahres Karoline Henriette Keller, die Tochter des Schirrmeisters Paul Keller geheiratet und war sozusagen hier hängen geblieben. - Doch der Reihe nach. Viel ist aus dem Leben der Heerwagens nicht bekannt. Was wir an Lebensdaten kennen, wurde akribisch durch Dr. Rudi - Arnold Jung aus Eckartsberga zusammengetragen und 1987 veröffentlicht.

Wilhelm Heerwagen wurde am 05.11.1826 als Sohn des Tischlermeisters Friedrich Heerwagen in Blankenburg/Thür. geboren. Das Handwerk des Orgelbauers erlernte er in der seinerzeit europaweit bedeutenden Werkstatt von Johann Friedrich Schulze in Paulinzella, die beispielsweise eine Orgel für die Weltausstellung 1851 in London lieferte. Hier erhielt er das damals sowohl praktisch als auch orgelbautheoretisch modernste Rüstzeug für seinen Beruf, und es liegt nahe, dass er auch am Bau der Orgel für London beteiligt war.

29-jährig wagte er dann den Sprung in die Selbständigkeit, was natürlich auch damals nicht ohne Risiko war, wie wir später noch nachvollziehen werden. In seiner Werkstatt im Nebengebäude des Gehöftes Nr. 54 beschäftigte er neben einem Tischler- und einem Zinngießergesellen anfangs auch seinen jüngeren Bruder August Heerwagen (13.12.1829-29.03.1882), der sich später ebenfalls, jedoch ohne wirtschaftlichen Erfolg in der Region, selbständig machte.

Dass Wilhelm bei seiner Arbeit aber auch seine Frau zur Hand ging, was in diesem Handwerk im 19. Jahrhundert äußerst ungewöhnlich war, beweist eine entsprechende Inschrift in der Poppe-Orgel von 1818 in Gößnitz, die ich bei deren Überholung 1987 unter einem Prospektstock entdeckte. Hier hatte er mit ihr Wartungs- und Stimmarbeiten ausgeführt. Beide bewohnten ein kleines Haus mit der Nr. 53 in Nachbarschaft der Werkstatt. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor, Henriette Wilhelmine Rosalie, Carl Friedrich Wilhelm, der als Kleinkind starb und am 5. Dezember 1857 Sohn Emil Heerwagen als späterer Erbe des Geschäftes. Doch Karoline Henriette Heerwagen starb erst 27-jährig 1859 im Kindbett. Mit seiner zweiten Frau Friederike Kleine ebenfalls aus Klosterhäseler, die er 1860 heiratete, hatte Wilhelm keine Kinder.

Er führte mit seinen Mitarbeitern Neubauten, Umbauten und Reparaturen aus. Auch die Orgel in Klosterhäseler stammt aus seiner Werkstatt. Sie wurde 1871 von August und Emilie von Häseler als Einlösung eines Gelübdes für die gesunde Rückkehr ihrer Söhne aus dem Krieg gegen Frankreich gestiftet. - Und sein Geschäft erlebte Höhen und Tiefen. Einen wirtschaftlichen Tiefpunkt muss es 1874 gegeben haben, denn als seine Werkstatt 1874 den Orgelneubau für die Kirche in Rothenberga ausführte, übernahm er auch Abriss-, Zimmerer-, Maurer- und Malerarbeiten im Kirchengebäude. Im Jahr darauf starb er plötzlich erst 48-jährig am 26.09.1875. - Da war sein Sohn Emil gerade 18, in dieser Zeit also nicht einmal volljährig, und führte dennoch die Werkstatt weiter, wobei ihm bei Orgelabnahmen bis zur Volljährigkeit ein Orgelbaumeister als Vormund zur Seite stehen musste. Als Emil 1879 mit dem Neubau der Orgel für die Kirche in Burkersroda beschäftigt war, übermittelte er durch Inschriften neben Frühlingsgedichten auch:”Zur Zeit wo diese Orgel gebaut wurde, war mein fester Entschluß die Tochter des [...] zu Lißdorf einmal zu heiraten. Mein ist nun Gott wohl - Heerwagen”, zudem: ”Der Bau dieser Orgel ging sehr langsam vor sich. Heerwagen, Orgelb. “. Was dann am 06.07.1879 in der Hochzeit mit Karoline Wilhelmine Amalie Brandt in Lißdorf mündete.

Hauptarbeitsgebiet der Heerwagens war bis 1896 die Region zwischen Saale und Unstrut rund um Klosterhäseler und allein hier entstanden auf kleinem Raum in Dörfern zwischen Naumburg, Nebra, Eckartsberga und Bad Kösen 18 mir bekannte Orgelneubauten, die fast alle heute noch - unterschiedlich gut erhalten - existieren. Diese Instrumente sind auf hohem handwerklichen Niveau einerseits dem damaligen romantischen Zeitgeschmack verpflichtet, verbinden ihn aber mit älteren Traditionen im Orgelbau, was ihnen heute einen besonderen Gebrauchswert gibt, damals aber auch zu Kritik führte, weil sie nicht in allem dem Mainstream folgten, beispielsweise im Klang der Streicherregister.

Die Heerwagenorgeln dienen - Pflege voraus gesetzt - schon seit Generationen den Kirchengemeinden zum gottesdienstlichen Gebrauch von der Wiege bis zur Bahre und werden für Konzerte genutzt. Damit haben sie diese Region kirchenmusikalisch geprägt wie kein anderer Orgelbauer vor oder nach ihnen, denn eine so große Dichte von Instrumenten aus einer Werkstatt ist außergewöhnlich.

Doch dieses relativ kleine Gebiet reichte nicht aus, um genügend Aufträge zu bekommen, so wurden auch Arbeiten im Berliner Raum und in Halle ausgeführt. Dennoch geriet Emil Heerwagen 1892 in “Concours”. Er konnte sich aber offenbar mit seinen Gläubigern einigen und verlegte sein Geschäft im folgenden Jahr wegen der Eisenbahnanbindung nach Bad Kösen in die Borlachstr. 68. Auf einer Orgel, die er für die Kirche in Briest bei Brandenburg gebaut und im Saal des Gasthofes “Zur Tanne” aufgestellt hatte, gab er hier 1896 ein geistliches Konzert.

Weil er verstärkt Aufträge aus dem Großherzogtum Sachsen-Weimar erhielt, zog er 1896 nach Weimar in die Meyerstr. 35 um. In der Folge entstanden Instrumente im Raum um Weimar, Erfurt, Jena und Eisenach. Einige dieser Orgeln, zum Beispiel die in Bucha bei Jena wurden vom “legendarischen Kantor”, dem Weimarischen Hoforganisten Gottschalg, abgenommen und hier schreibt dieser,”...,dass die fragliche Orgel vollkommen annehmbar ist, und dass der Erbauer alle Anerkennung verdient”.

Aber auch in seiner alten Heimat blieb er tätig. Als beispielsweise im Ersten Weltkrieg die Prospektpfeifen der Orgeln als kriegswichtige Rohstoffe beschlagnahmt wurden, machte er aus der Not eine Tugend und baute diese aus, allerdings nicht ohne zuvor Aufrisse davon anzufertigen, die für den späteren Nachbau dieser Pfeifen von großem Wert waren und auf die man heute noch in Archiven zurückgreifen kann.

“...Seit Jahrzehnten fuhr er unermüdlich von Ort zu Ort, um alten, verstaubten Orgeln ein neues Aussehen und den edlen, würdigen Klang wieder zu verleihen...und viele Gemeinden erfreuen sich allsonntäglich an dem Klang seiner neuerbauten Orgeln.”, heißt es nach seinem Tode am 28.01.1935 in einem Weimarer Zeitungsnachruf.

An diese unermüdlichen “Orgelbauer und Nachbarn”, wie es im Kirchenbuch von Klosterhäseler heißt, zu erinnern, hat sich die Heerwagen Orgelbau Ausstellung im Schloss Klosterhäseler zur Aufgabe gemacht.

 

 

Rolf Walther, Orgelbauer



Prospekt Orgel Dorfkirche Klosterhäseler, pipe organ of the curch in klosterhäseler, klosterhaeseler
Klosterhäseler, Dorfkirche, Orgel von Wilhelm Heerwagen, 1871